Lebensinsel-Geschichten

Unsere Lebensinsel-Geschichten lustige und wissenswertige, manchmal auch nachdenkliche Dinge rund um die spannende Welt der Insekten. Einige dieser Geschichten gibt es auch in einer Hörversion, die Links findet ihr in unserem Mitmachbuch.

Mehr Schein als Sein
Zur falschen Zeit am falschen Ort
Ende eines Lotterlebens
Hören oder nicht hören, das ist hier die Frage
Nektarorgie
April, April ….
Der Duft von Eden 
Des einen Freud, des anderen Leid

 

Das Mitmachbuch für die ganze Familie

 

Mehr Schein, als Sein…

Nach getaner Gartenarbeit sitze ich auf meiner Bank und lasse die Seele baumeln. Ich beobachte eine dicke Hummel, wie sie fleißig die Blüten des Lungenkrautes nach Pollen und Nektar absucht. Ein paar unserer Honigbienen leisten ihr Gesellschaft und beim Zuschauen fallen mir langsam die Augen zu…
Ich träume, dass ich eine Hummel bin, gerade geschlüpft und sehr hungrig. Ich muss mich ja jetzt um den Nestbau kümmern und den Nachwuchs großziehen. Und das ganz alleine, sozusagen bin ich eine alleinerziehende Hummelfrau.
Genug geschwatzt, der Magen knurrt. Also, los auf Entdeckungstour. Oh, da hinten steht ein schöner, gelber Strauch. Ganz viele kleine Blüten. Das wird ein Schmaus.
Pech gehabt, das muss wohl eine Forsythie sein. Sieht schön aus, hat aber für uns Insekten gar nichts zu bieten. Kein Pollen, kein Nektar.

Forsythie (Foto: F.Scholz)

Da, am Fenster blüht es bunt. Nix wie hin. Auch wieder nichts. Stiefmütterchen… Auch hier kein Pollen, kein Nektar. Wenn ich jetzt nicht bald etwas zu fressen bekomme, stürze ich vor Hunger noch ab. Da fliegen die Honigbienen herum, ich hänge mich mal ran. Ah, das tut gut…Endlich gibt es was zu futtern. Ein ganzes Beet voll Wildkrokusse, Traubenhyazinthen und Blausternchen. Da, eine Weide steht am Wegesrand und hinter dem Haus ganz viel blühendes Lungenkraut. Die Menschen nennen es manchmal auch Brüderchen und Schwesterchen, weil es rote und blaue Blüten gibt. Mir sind die roten lieber, die haben mehr Nektar zu bieten. Aber jetzt im Frühjahr darf man nicht wählerisch sein, man muss nehmen was man kriegen kann…
So langsam wache ich aus meinem merkwürdigen Traum auf und entdecke immer noch Hummeln auf dem Lungenkraut .Ja, das mögen sie sehr. Aber wie war das noch mit den Stiefmütterchen? Ich google mal nach. Tatsächlich, das Stiefmütterchen ist eine Mogelpackung. Kein Pollen, kein Nektar. Genauso wie die Tulpen, die Geranien und der Flieder. Etwas betrübt schaue ich auf meine gerade frisch eingepflanzten Stiefmütterchen, die dieses Jahr besonders farbenprächtig sind. Ich google weiter und werde fündig. Hornveilchen bieten den Insekten genügend Nahrung an. Also werden ich die restlichen Blumenkästen damit bepflanzen. Eine Alternative für das bunte Tulpenmeer sind Wildtulpen, zum Beispiel die Weinbergtulpe. Nicht ganz so farbenfreudig, dafür eine gute Adresse für Bienen und Co. Selbst für den Flieder gibt es eine Alternative, den Holunder. Dieser wird im Norden auch als Flieder bezeichnet.
Ich räkele mich auf meiner Gartenbank, stehe dann doch endlich mit schmerzendem Rücken auf und begutachte mein Blumenkasten -Experiment vom letzten Jahr. Statt immer nur Geranien und Petunien habe ich den Kasten mit Salbei, Pfefferminz, Lavendel und kleinem Steinbrech bepflanzt. Sah schön aus, die Bienen, Hummeln und Schmetterlinge mochten die Pflanzen auch und was das Beste ist, alle Pflanzen sind durch den Winter gekommen und treiben gerade neu aus. Ist doch cool…

Also, mir gefällt mein neuer Naturgarten.
Yvonne Scholz ©

 

Zur falschen Zeit am falschen Ort

Ich kämpfe gerade mit einer widerspenstigen Löwenzahnwurzel, die partout nicht aus der trockenen Erde neben dem Beet heraus will. Mein Handy klingelt und signalisiert mir, Gartenarbeit für heute geschafft…

Gott sei Dank, denken Rücken und Knie. Mein innerer Antreiber jedoch schaut nur kurz über die bereits geschafften Beete und bleibt natürlich bei den unerledigten Bereichen hängen. Ja, ich weiß. Eigentlich wollte ich schon viel weiter mit dem Garten sein. Und ja, es ist schon Ende Mai und so spät waren wir noch nie dran. Aber dieses Jahr ist eben auch kein gewöhnliches Jahr. Wo sich sonst beim gemeinsamen Garteneinsatz die Vereinsmitglieder mit Lust und Laune zuerst über das Unkraut und dann über die leckere Pizza aus dem Holzbackofen hermachten, hocke ich dank Corona alleine im Garten und versuche, so gut es eben zeitlich geht, dem Unkraut Herr zu werden.

Heilpflanzenpfad

Ich werfe den Löwenzahn auf die volle Schubkarre und murmele, wie zur Entschuldigung:

„ Tja, mein Freund. Du warst leider zur falschen Zeit am falschen Ort.“ Ich muss schmunzeln. Diesen Satz benutze ich manchmal bei meinen Führungen auf unserem Heilpflanzenpfad. Denn wenn der Löwenzahn im Beet mit der Nummer 4 wächst, ist alles in Ordnung. Da gehört er, zumindest bei uns, auch hin. Als Heilpflanze spült er die Nieren und die Blase gut durch und ist somit ein beliebtes Kraut für eine Frühjahrskur. Auf dem Gartenweg oder im Nachbarbeet hat er aber nichts zu suchen. Das gilt für alle Pflanzen auf dem Heilpflanzenpfad. Manche halten sich daran, wie zum Beispiel der majestätische Alant. Andere Kräuter dagegen sind ständig auf Wanderschaft. Die Walderdbeere zum Beispiel, die sich mit der Brennnessel und dem Giersch ein Beet teilen muss. Alle drei Pflanzen sind laut Volksmedizin gut gegen Rheuma und Gicht. Der Giersch ist den meisten Gärtnern wegen seines ausbreitenden Wesens ja oft ein Dorn im Auge. Ich sag dann immer: „Wenn sie den Giersch loshaben wollen, dann essen sie ihn auf!“ Er ist nicht nur ein leckeres Wildgemüse, auch in der Kräuterlimonade schmeckt er gut. Darum ist der Bezeichnung Unkraut für die Pflanzen auf meiner Schubkarre nicht wirklich korrekt. Solange sie in ihrem angedachten Beet bleiben, sind es Heilpflanzen. Nehmen sie jedoch Reißaus, dann landen sie auf dem Kompost und kommen über Umwege wieder in die Beete zurück. Aber so ist das eben mit dem Sprachgebrauch. Auch mit dem Ausspruch „Unkraut zupfen“ tue ich mich etwas schwer. Also, wenn ich mir so meine Gartenausrüstung anschaue –Grabegabel, Hacke, Wurzelstecher – dann wird bei mir nicht gezupft, sondern eher geklotzt. Manchmal sogar gekämpft, zum Beispiel mit der Nelkenwurz. Aber das ist eine andere Geschichte…

Egal, für heute ist es genug. Ich mache jetzt eine Pause und lasse mir meinen Kräutertee schmecken. Wenn ich so auf meine Schubkarre blicke, dann könnte ich meinen Tee auch glatt „Unkrauttee“ nennen…
Yvonne Scholz ©

Endes eines Lotterlebens
Die ersten Getreidefelder sind abgeerntet und das Heu ist unter Dach und Fach. Eine Ahnung von Herbst macht sich breit, obwohl die Sonne noch tüchtig brennt.

Ich habe mir ein schattiges Plätzchen im Obstgarten in der Nähe der Bienenstöcke gesucht. Zeit, um in Ruhe das Treiben an den Fluglöchern zu beobachten. Doch schon nach ein paar Minuten höre ich ein Stimmengemurmel und sehe von weitem einige Besucher in Richtung der Bienen laufen. Nix mit Ruhe, denke ich etwas enttäuscht und wollte schon aufstehen. Doch irgendetwas hielt mich davon ab und so blieb ich einfach sitzen und lauschte. Die Besucher hatten jetzt den Bienenstand erreicht, mich aber scheinbar noch nicht entdeckt.
„Schau mal Papa, was machen die Bienen denn da?“ „Hm, keine Ahnung…“, hörte ich eine Männerstimme antworten. “ Da, da sind ja ganz viele tote Bienen auf der Erde“, warf jetzt eine Frauenstimme ein.“ Eine rege Diskussion kam in Gange. Als dann jedoch die Worte Bienensterben, Unkrautvernichter und Landwirte fielen, konnte ich mich nicht mehr zurückhalten und sorgte mit meinem „Hallo allerseits“ erstmal für kurzes Erschrecken.
„Wenn es sie interessiert und sie Lust haben, erkläre ich ihnen gerne, was da gerade im Bienenstock passiert.“ Sie hatten Lust…
Wer denn so alles im Bienenstock zu Hause ist, wollte ich von dem Mädchen wissen, welches so aufmerksam das Geschehen vor dem Flugloch beobachtet hatte.
„Na, Arbeiterinnen, Drohnen und eine Königin“, kam es wie aus der Pistole geschossen.
„Richtig! Und wer ist da gerade am Flugloch zu sehen?
„Hm… Arbeiterinnen und…Drohnen? , fragend schaute sie mich an.
„Ja.“, ich nicke ihr aufmunternd zu „Du weißt ja gut Bescheid…“
„Hatten wir gerade in der Schule.“, kam prompt als Antwort zurück.
Na, dann hast du ja auch sicher schon mal was von der Drohnenschlacht gehört.“, Ich schaute sie fragend an, aber es kam nur ein verlegenes Kopfschütteln.
„Drohnenschlacht?“, hakte der Vater ein, „für was kämpfen die Drohnen denn da?“
„Die kämpfen für gar nichts, sie werden bekämpft. Die Drohnen sind ja die Männer im Bienenvolk und die einzigen ohne Stachel. Auch haben sie keinerlei anatomische Werkzeuge, sodass sie von den Arbeiterinnen gefüttert werden müssen und selber nicht arbeiten können.“
„Und was machen die dann so den ganzen Tag?“, wollte eine der Frauen wissen.
„Na, es sind halt wirkliche Machos“, entgegnete ich mit einem schmunzeln. „Sie fliegen bei schönem Wetter raus in die Natur und treffen sich mit den Drohnen der anderen Bienenstöcke irgendwo beim sogenannten Drohnensammelplatz. Dort verbringen sie die Zeit bis sie Hunger haben und fliegen dann wieder zurück. Ihre einzige Aufgabe ist die Begattung der jungen Königin, die sie allerdings mit ihrem Leben bezahlen, wenn sie zum Zuge kommen.“
„Wie das denn? , fragend schauten mich alle an.
„Beim Begattungsakt wird dem Drohn der Geschlechtsapparat rausgerissen, da er fest mit der Königin verhakt ist. Ja, keine schöne Vorstellung…“, lachend schaute ich in die entsetzten Gesichter der Männer.“ Den Drohnen, die da nicht zum Zuge kommen, geht es dafür bei der Drohnenschlacht an den Kragen. Die Arbeiterinnen haben nämlich keine Lust, diese Müßiggänger weiter durchzufüttern. Und das was wir hier gerade sehen, ist der Anfang des Gemetzels.“ Ich zeigte auf die Fluglöcher. „Schaut einmal genau hin und sagt mir, was ihr da seht.“
Angestrengt beobachteten alle die Fluglöcher.
„Da, schaut mal, die kleineren Bienen zerren einen Drohn nach draußen“, war mit einmal eine aufgeregte Mädchenstimme zu hören. „Ja, und hier lassen sie einen Drohn gar nicht mehr hinein“, warf jetzt die Mutter ein.
„Und was passiert jetzt mit den ganzen Drohnen?“, wollte der Vater von mir wissen.
„Die verhungern vor dem Stock beziehungsweise dienen sie ein paar Vögeln noch als kleine Zwischenmahlzeit.“
„Da ist aber gemein!“, riefen zeitgleich Mutter und Tochter empört aus.
„Das ist nicht gemein, das ist der Lauf der Natur. In einem Bienenstock geht es immer um das Überleben des gesamten Volkes. Die Aufgabe der Drohnen ist nun mal die Fortpflanzung. Und die ist im August abgeschlossen. Die Winterzeit ist für die Bienen sehr herausfordernd, da werden unnütze Honigfresser nicht geduldet.“
„Na, zum Glück bin ich kein Drohn und bekomme auch im Winter mein Essen.“, rief einer der Männer lachend in die Runde und streichelte seinen wohlgeformten Bierbauch.
Yvonne Scholz ©

 




Nektarorgie
Ein wunderschönes Gedicht eingereicht von
Herrn Eberhardt Börner, Mai 2020 

Auf einer Wiese drunten,
so einer tausendbunten
mit Blumen jeder Wahl,
da hatten sie ihr Glück gefunden,
Insekten, ohne Zahl.
Oh, wie sie leckten, wie sie schleckten,
wie sie naschten, summten, sogen,
dass sich der Gräser Halme bogen.
Vom Nektar sie betrunken war’n.
Sie schwirrten kreuz und quer
und trugen Hosen gelb und schwer.
Da kam ob solcherlei Gebar’n
ein Schmetterling,
dem es um klare Ordnung ging
und sprach:
„Die Nektarorgie ist jetzt aus.
Ich sag’s zum letzten Mal.
Ihr fliegt sofort nach Haus.“

Es war ein Admiral.

 

April, April, der weiß nicht, was er will…

Ich stehe am Fenster und schaue leicht genervt auf die weiße Pracht, die da vom Himmel fällt.

Nichts gegen Schnee, aber wir haben bereits April. Vor einer Woche habe ich bei der Gartenarbeit bei über 20° so was von geschwitzt und jetzt schneit es schon den dritten Tag in Folge.

Ich habe ja, allen Wetterunbilden zum Trotz, ein Dach über dem Kopf und eine funktionierende Heizung. Aber was ist mit all den Insekten, die ich vorige Woche bereits im Garten getroffen habe. Die Honigbienen,  Hummeln und das Tagpfauenauge?

 

Um unsere Honigbienen mache ich mir die wenigsten Sorgen. Sie haben schon fleißig Pollen eingetragen und können sich in ihrer Vorratskammer bedienen. Da haben es die Hummeln schon schwerer. So eine Jungkönigin hat es nicht einfach. Sie ist die Einzige, die überwintert. Im Frühjahr heißt es für sie erst einmal einen geeigneten Nistplatz suchen, damit das neue Hummelvolk gegründet werden kann. Hummeln nisten gerne in Totholz, Steinhaufen oder Erdlöchern und benötigen im Frühjahr dringend Pollen und Nektar. Damit werden die ersten Larven gefüttert und etwas Honig für Schlechtwetterperioden als Vorrat eingelagert. Na, hoffentlich liegen die Hummeln aus unserem Garten jetzt nicht mit allzu großen Magenknurren in ihren Nestern. Sollten sie mal eine erschöpfte Hummelkönigin im Frühjahr draußen finden, hilft ein wenig Zuckerwasser. Auf einem Löffel kann man dieses dem Tier anbieten.

Jetzt scheint die Sonne. Der blaue Himmel leuchtet zwischen den Schäfchenwolken hindurch und der Schnee fängt langsam an zu tauen.

Wo wohl das Tagpfauenauge jetzt sein mag? Ich war schon erstaunt, es bereits im März fliegen zu sehen. Da habe ich mich im Internet schlau gemacht und erfahren, dass dieser Schmetterling eine Lebenserwartung von rund zwei Jahren hat. Er muss somit auch zwei Winter überstehen. Wenn es genügend frostfreie Unterschlupfmöglichkeiten gibt, ist dass alles kein Problem. Aber so ein überraschender Wintereinbruch kann da schon eine Herausforderung sein. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber mir geht immer das Herz auf, wenn so ein Falter an mir vorbei segelt. Die „Geburt“ eines Schmetterlings hat für mich etwas Magisches. Eine Raupe verpuppt sich und nach einer gewissen Zeit schlüpft ein Tier mit einem völlig anderen Körper. Dieser Schlupf aus dem Kokon ist für den Schmetterling sehr anstrengend. Manche Tiere schaffen es nicht und sterben dabei. Nun darf der Mensch da aber nicht eingreifen. Tut er es trotzdem und hilft so einem erschöpften Schmetterling, kann dieser nicht fliegen. Denn nur durch die eigene Kraftanstrengung wird genügend Blut in die Flügel gepumpt und der Falter kann graziös von Blüte zu Blüte segeln.

Nächste Woche soll es wieder schöner werden, dann geht’s ab in den Garten. Die letzten Beete bekommen ihren Frühlingsschnitt. Bin schon gespannt, welch tierischer Gast mich dann besuchen kommt…

 

© Yvonne Scholz April 2021

 

Der Duft von Eden
Eberhardt Börner, Juli 2020

An Sommertagen sitze ich
sehr oft in meiner Apotheke.
Ja, glaubt mir, es verstehet sich,
es ist mein Garten, den ich hege.
So manches Pflänzlein lebt nun dort.
Für Kräuter ist’s ein wahrer Hort.

Da blüht schon lang das Bohnenkraut;
auch Weihrauch hab‘ ich angebaut.
Basilikum Oreganum,
die duften um die Wette.
Der Lorbeerbusch wohl auch sehr gern
so schöne Blüten hätte.
Erdbeerminze, Thymian
die Sinne mir betören.
Rosmarin und Majoran,
ich könnte darauf schwören.

Aus all den Düften binde ich
mir täglich einen Strauß.
Er ist ein Lebenselixier für mich:
Der kleine Garten Eden,
gleich hinter meinem Haus

 

Des einen Freud, des anderen Leid
Ich stehe mit einer Mischung aus Wut und Fassungslosigkeit in unserem Garten.
Mein Blick schweift über die Beete. Wo eigentlich Kartoffeln, Spinat, Salat, Zwiebeln und andere leckere Gemüsesorten wachsen sollen, schauen mich nur kahle Strünke und dunkelbraun windende Leiber an. Schneckenalarm.
Den haben wir ja jedes Jahr, seitdem die spanische Nacktschnecke auch das eher kühle Erzgebirge erobert hat. Bisher konnte ich mit viel experimentellen Einsatz, die Fressgier dieser Schleimer in gewissen Grenzen halten.
Was habe ich nicht schon alles probiert: Bierfallen eingegraben, Sägespäne und Reisig um die Jungpflanzen gelegt, extra Schneckenzäune aufgestellt, Schneckenkorn ausgebracht, Studentenblumen und Kapuzinerkresse als Ablenkung gepflanzt. Ich gebe es ungern zu, aber ich habe zeitweise auch schon zu drastischen Maßnahmen gegriffen. Vom Einsammeln und weit weg wieder in die Freiheit entlassen, über Absammeln und die Tiere ins Jenseits befördern reicht hier die Palette. Wegen eventuell zartbesaiteter Leser verzichte ich hier auf Einzelheiten.
Mein Mann hat mir in einem ähnlich frustrierenden Jahr ein Buch mit dem schönen Titel „Der Schneckenflüsterer“ geschenkt. Ich habe also mit diesen Tieren meditiert und geredet – ja das soll funktionieren. Aber sie haben meine Botschaften leider nicht verstanden.
Aber was in diesem Jahr los ist, sprengt meine Vorstellungskraft. Soweit das Auge reicht, Schnecken, Schnecken und nochmals Schnecken. Eine Bekannte ist auf dem Gehweg auf einer Schnecke ausgerutscht und durfte dann stundenlang die Notaufnahme besuchen. Sogar ins Fernsehen haben es die schleimigen Gesellen schon geschafft. Ein Auto war auf einer invasiven Schneckenspur von der Fahrbahn abgekommen. Nun muss ich aber ehrlicherweise sagen, dass sich nicht nur braune Nacktschnecken im meinem Beeten tummeln. Nein, auch die Gehäuseschnecken sind aufmüpfig geworden. Bänderschnecken und Weinbergschnecken lassen sich die Petersilie und sogar den Schnittlauch schmecken. Merke gerade beim Schreiben: Schnecken reimt sich auf schmecken. Ob das wohl was zu bedeuten hat?
Haben Sie schon mal etwas vom Schwarzen Schlegel gehört? Nein? Seien Sie froh, das ist Deutschlands größte Nacktschnecke. Laut der Wissenschaft schafft sie es auf eine Körperlänge zwischen 20-30 cm. Die möchte ich mir in meinem Erdbeerbeet lieber nicht vorstellen. Zur Beruhigung: Limax cinereoniger, so der lateinische Name, ernährt sich hauptsächlich von Pilzen und vermodernden Laub.
In diesem Jahr hilft wohl nur eins: Ich gebe mich den Schnecken geschlagen, in der Hoffnung, dass es im nächsten Jahr nicht wieder so viel regnet.
Mein Blick fällt auf die Walderdbeeren und siehe da, es hängen doch tatsächlich noch welche dran.
Ich pflücke eine kleine Schüssel voll. Man weiß ja nie, wann die gierigen Schleimer ihren Appetit doch noch darauf ausrichten. Auf dem Weg nach Hause sehe ich plötzlich den blonden Schopf unseres Nachbarsohnes in der Wiese auf und ab tauchen. Neugierig geworden, bleibe ich stehen und rufe hinüber:“ Hallo Tim, magst du ein paar Walderdbeeren? Ich habe gerade welche gepflückt.“
Keine Antwort. Ich versuche es noch mal. „Tiiim! Magst du Erdbeeren?“
Endlich taucht der Kopf wieder auf und der Junge schaut sich erschrocken um. „Ach, du bist‘s. Ich kann gerade nicht, muss Max und Moritz suchen.“
„Max und Moritz?“, denke ich. Wusste gar nicht, dass die Nachbarn sich neue Haustiere angeschafft haben. „Soll ich dir suchen helfen?“, rufe ich zurück und gehe schon ein paar Schritte in Richtung Wiese.
„ Nein, brauchst du nicht“, kam es schnaufend zurück. Aber du kannst mal auf Sophie und Gustaf aufpassen, dass die nicht auch noch abhauen.“
„Sophie und Gustaf?“, frage ich etwas irritiert. „ Ja, die sitzen da vorne im Karton.“ Er zeigt wedelnd mit seiner kleinen Kinderhand die Richtung an. Ich marschiere also los und entdecke den besagten Karton am Wegesrand. Neugierig werfe ich einen Blick hinein und traue meinen Augen nicht.
„Aber Tim, das sind ja Schnecken!“ Eine schwarze Nacktschnecke macht sich gerade die Mühe, am Kartonrand hochzukriechen und eine Weinbergschnecke lässt sich ein Salatblatt schmecken.
„Na, klar doch. Die mit dem Gehäuse ist Sophie und der schwarze Deibel ist Gustaf“, kam es fröhlich aus der Wiese zurück. „Sind die nicht schön?“
Ich kann momentan darauf keine Antwort finden und es dämmert mir auch so langsam, wer wohl Max und Moritz sind.
Nach einer gefühlten Ewigkeit steht Tim dann strahlend vor mir und streckt mir stolz seine Hände entgegen. Auf jedem Handteller sitzt eine Weinbergschnecke, die sich in ihr Haus zurückgezogen hat.
„Schau, ich hab die Ausreißer wieder gefunden. Das hier ist Moritz, der ist etwas dunkler und das hier ist der Max.“ Liebevoll schaut der kleine Kerl seine Schnecken an. „Magst du sie mal streicheln?“, fragend schaut er mich an.
Ich schüttel energisch meinen Kopf und sage: „Weißt du, Tim. Ich bin ziemlich wütend auf die Schnecken. Sie haben mir meinen ganzen Garten kahlgefressen!“
„Meine hier waren das aber nicht!“, kam es prompt zurück. „Die bekommen immer leckeren Salat und Petersilie von mir.“ Nach einer kurzen Pause, kommt der Junge ganz dicht an mich heran und streichelt meinen Arm.
„Sei nicht traurig, die Schnecken haben doch auch nur Hunger. Die können nicht in den Supermarkt laufen. Ist doch viel zu weit. Aber du hast doch ein Auto, du kannst dir da alles kaufen.“
Auf diese kindliche Logik weiß ich keine Antwort. Aber wenn ich in die glücklichen Kinderaugen von Tim blicke, dann versuche ich, zumindest für den Augenblick, meinen Frust auf die Schnecken zu vergessen.
© Yvonne Scholz 7/2021

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