Lebensinsel-Geschichten

Mehr Schein als Sein
Zur falschen Zeit am falschen Ort

 

Mehr Schein, als Sein…

Nach getaner Gartenarbeit sitze ich auf meiner Bank und lasse die Seele baumeln. Ich beobachte eine dicke Hummel, wie sie fleißig die Blüten des Lungenkrautes nach Pollen und Nektar absucht. Ein paar unserer Honigbienen leisten ihr Gesellschaft und beim Zuschauen fallen mir langsam die Augen zu…
Ich träume, dass ich eine Hummel bin, gerade geschlüpft und sehr hungrig. Ich muss mich ja jetzt um den Nestbau kümmern und den Nachwuchs großziehen. Und das ganz alleine, sozusagen bin ich eine alleinerziehende Hummelfrau.
Genug geschwatzt, der Magen knurrt. Also, los auf Entdeckungstour. Oh, da hinten steht ein schöner, gelber Strauch. Ganz viele kleine Blüten. Das wird ein Schmaus.
Pech gehabt, das muss wohl eine Forsythie sein. Sieht schön aus, hat aber für uns Insekten gar nichts zu bieten. Kein Pollen, kein Nektar.

Forsythie (Foto: F.Scholz)

Da, am Fenster blüht es bunt. Nix wie hin. Auch wieder nichts. Stiefmütterchen… Auch hier kein Pollen, kein Nektar. Wenn ich jetzt nicht bald etwas zu fressen bekomme, stürze ich vor Hunger noch ab. Da fliegen die Honigbienen herum, ich hänge mich mal ran. Ah, das tut gut…Endlich gibt es was zu futtern. Ein ganzes Beet voll Wildkrokusse, Traubenhyazinthen und Blausternchen. Da, eine Weide steht am Wegesrand und hinter dem Haus ganz viel blühendes Lungenkraut. Die Menschen nennen es manchmal auch Brüderchen und Schwesterchen, weil es rote und blaue Blüten gibt. Mir sind die roten lieber, die haben mehr Nektar zu bieten. Aber jetzt im Frühjahr darf man nicht wählerisch sein, man muss nehmen was man kriegen kann…
So langsam wache ich aus meinem merkwürdigen Traum auf und entdecke immer noch Hummeln auf dem Lungenkraut .Ja, das mögen sie sehr. Aber wie war das noch mit den Stiefmütterchen? Ich google mal nach. Tatsächlich, das Stiefmütterchen ist eine Mogelpackung. Kein Pollen, kein Nektar. Genauso wie die Tulpen, die Geranien und der Flieder. Etwas betrübt schaue ich auf meine gerade frisch eingepflanzten Stiefmütterchen, die dieses Jahr besonders farbenprächtig sind. Ich google weiter und werde fündig. Hornveilchen bieten den Insekten genügend Nahrung an. Also werden ich die restlichen Blumenkästen damit bepflanzen. Eine Alternative für das bunte Tulpenmeer sind Wildtulpen, zum Beispiel die Weinbergtulpe. Nicht ganz so farbenfreudig, dafür eine gute Adresse für Bienen und Co. Selbst für den Flieder gibt es eine Alternative, den Holunder. Dieser wird im Norden auch als Flieder bezeichnet.
Ich räkele mich auf meiner Gartenbank, stehe dann doch endlich mit schmerzendem Rücken auf und begutachte mein Blumenkasten -Experiment vom letzten Jahr. Statt immer nur Geranien und Petunien habe ich den Kasten mit Salbei, Pfefferminz, Lavendel und kleinem Steinbrech bepflanzt. Sah schön aus, die Bienen, Hummeln und Schmetterlinge mochten die Pflanzen auch und was das Beste ist, alle Pflanzen sind durch den Winter gekommen und treiben gerade neu aus. Ist doch cool…

Also, mir gefällt mein neuer Naturgarten.
Yvonne Scholz ©

 

Zur falschen Zeit am falschen Ort

Ich kämpfe gerade mit einer widerspenstigen Löwenzahnwurzel, die partout nicht aus der trockenen Erde neben dem Beet heraus will. Mein Handy klingelt und signalisiert mir, Gartenarbeit für heute geschafft…

Gott sei Dank, denken Rücken und Knie. Mein innerer Antreiber jedoch schaut nur kurz über die bereits geschafften Beete und bleibt natürlich bei den unerledigten Bereichen hängen. Ja, ich weiß. Eigentlich wollte ich schon viel weiter mit dem Garten sein. Und ja, es ist schon Ende Mai und so spät waren wir noch nie dran. Aber dieses Jahr ist eben auch kein gewöhnliches Jahr. Wo sich sonst beim gemeinsamen Garteneinsatz die Vereinsmitglieder mit Lust und Laune zuerst über das Unkraut und dann über die leckere Pizza aus dem Holzbackofen hermachten, hocke ich dank Corona alleine im Garten und versuche, so gut es eben zeitlich geht, dem Unkraut Herr zu werden.

Heilpflanzenpfad

Ich werfe den Löwenzahn auf die volle Schubkarre und murmele, wie zur Entschuldigung:

„ Tja, mein Freund. Du warst leider zur falschen Zeit am falschen Ort.“ Ich muss schmunzeln. Diesen Satz benutze ich manchmal bei meinen Führungen auf unserem Heilpflanzenpfad. Denn wenn der Löwenzahn im Beet mit der Nummer 4 wächst, ist alles in Ordnung. Da gehört er, zumindest bei uns, auch hin. Als Heilpflanze spült er die Nieren und die Blase gut durch und ist somit ein beliebtes Kraut für eine Frühjahrskur. Auf dem Gartenweg oder im Nachbarbeet hat er aber nichts zu suchen. Das gilt für alle Pflanzen auf dem Heilpflanzenpfad. Manche halten sich daran, wie zum Beispiel der majestätische Alant. Andere Kräuter dagegen sind ständig auf Wanderschaft. Die Walderdbeere zum Beispiel, die sich mit der Brennnessel und dem Giersch ein Beet teilen muss. Alle drei Pflanzen sind laut Volksmedizin gut gegen Rheuma und Gicht. Der Giersch ist den meisten Gärtnern wegen seines ausbreitenden Wesens ja oft ein Dorn im Auge. Ich sag dann immer: „Wenn sie den Giersch loshaben wollen, dann essen sie ihn auf!“ Er ist nicht nur ein leckeres Wildgemüse, auch in der Kräuterlimonade schmeckt er gut. Darum ist der Bezeichnung Unkraut für die Pflanzen auf meiner Schubkarre nicht wirklich korrekt. Solange sie in ihrem angedachten Beet bleiben, sind es Heilpflanzen. Nehmen sie jedoch Reißaus, dann landen sie auf dem Kompost und kommen über Umwege wieder in die Beete zurück. Aber so ist das eben mit dem Sprachgebrauch. Auch mit dem Ausspruch „Unkraut zupfen“ tue ich mich etwas schwer. Also, wenn ich mir so meine Gartenausrüstung anschaue –Grabegabel, Hacke, Wurzelstecher – dann wird bei mir nicht gezupft, sondern eher geklotzt. Manchmal sogar gekämpft, zum Beispiel mit der Nelkenwurz. Aber das ist eine andere Geschichte…

Egal, für heute ist es genug. Ich mache jetzt eine Pause und lasse mir meinen Kräutertee schmecken. Wenn ich so auf meine Schubkarre blicke, dann könnte ich meinen Tee auch glatt „Unkrauttee“ nennen…
Yvonne Scholz ©




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